Initiative für eine gerechte Geburtshilfe in Deutschland - Information, Austausch, Diskussion.
Initiative für eine gerechte Geburtshilfe in Deutschland - Information, Austausch, Diskussion.

Kommentare zur Haftpflichtproblematik

Ausschnitt des Artikels im Hamburger Abendblatt der Wochenendausgabe 6./7.02.2016, S.5 im Maganzin, "Und wie ist das mit dem Sex nach der Geburt"  - Prof. Volker Ragosch im Interview:

 

"Allerdings sind die Versicherungsprämien für Hebammen enorm gestiegen ...

 

[Prof.] Ragosch:

Diese unsägliche Diskussion! Angeblich bangen alle Hebammen um ihre Existenz, ein nationales Drama. Wie oft das schon falsch verbreitet wurde. Wovon reden wir denn? Wir haben in Deutschland 21.800 Hebammen, davon sind die allerwenigsten geburtshilflich freiberuflich tätig. Es gibt nur 1,4 Prozent Hausgeburten. Die meisten Hebammen sind fest angestellt und zahlen deshalb keine Berufshaftpflicht von knapp 6000 Euro im Monat. Es geht also nicht den Bach runter mit den Hebammen in Deutschland, bitte die Kirche im Dorf lassen. Nur für Beleghebammen und außerklinisch tätige Hebammen, für die wird es zugegebenermaßen deutlich schwieriger. Und hier halte ich es für dringend erforderlich, sinnvolle Lösungen zu finden."

 

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Kommentar - Gerechte Geburt:

Zwar sagt Ragosch aus, dass sinnvolle Lösungen für die Situation von freiberuflichen Hebammen gefunden werden müssen, was erfreulich ist, aber dennoch verharmlost er die aktuelle prekäre Lage und die Dynamiken der Haftpflichtproblematik, welche sich auch auf den Klinikalltag auswirkt. Und das ist mehr als schade.

In Deutschland gibt es eine Unterversorgung mit Hebammenhilfe und es wäre dringend notwendig, dass Ärzte in seiner Position dies erkennen und auch so kommunizieren. Die Unterversorung mit Hebammenhilfe wurde vom DHV dokumentiert und mittlerweile ist diese Unterversorgung aufgrund von Personalengpässen in den Kreißsälen der Kliniken ebenfalls angekommen: Wenn eine Hebamme drei bis vier Gebärende gleichzeitig betreuen muss, kann man nicht mehr von optimaler Versorgung sprechen. Die Politik versäumt es leider, hier eigene Erhebungen anzustellen.

Es ist eine Tatsache, dass immer mehr freiberufliche Hebammen die Geburtshilfe aufgeben. "Ein Drittel der Hebammen gibt auf, [...] Weniger als 2500 bieten noch klassische Geburtshilfe an." (Spiegel 15.01.2016) Freiberufliche übernehmen aber auch zu großen Teilen die Wochenbettbetreuung - neben der Geburtshilfe eine der Kernaufgaben des Hebammenberufs. (Ansonsten sind Verträge von angestellten Hebammen von Klinik zu Klinik und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.)

Im Interview wird ferner von Prof. Ragosch durch die Nennung der Hausgeburten der Eindruck erweckt, dass nur 1,4 Prozent der Hebammen freiberuflich tätig seien. Jeodch gibt es 5121 Hebammen in Deutschland, die nicht festangestellt sind - und es ist ca. die Hälfte von ihnen, die bei der Geburtshilfe eine echte 1:1-Betreuung garantiert, welche in vielen Kliniken nicht mehr angeboten wird bzw. werden kann, so die aktuelle Umfrage (siehe unten) des DHV (Deutschen Hebammenverbands). Denn die Standardversorgung mit Hebammenhilfe in Deutschland ist geprägt von Personalknappheit, was unweigerlich die Qualität beeinflusst. Die nachweislich schlechten Arbeitsbedingungen sind vielleicht nicht ausdrücklich existenzbedrohend, (irgendwie wird's schon gehen), aber ich kenne viele Hebammen, die ihre Ansprüche an die Qualität von Geburtshilfe nicht (mehr) mit den Bedinungen in einer Klinik vereinbaren können und schließlich in die Freiberuflichkeit wechseln und dort dann "nur" Vor-/Nachbereitungskurse anbieten und sich eben von ihrer Kernaufgabe, der "Geburtsbegleitung", verabschieden.

"In Deutschlands Kreißsälen betreuen 95 Prozent der Hebammen bereits häufig zwei und oft sogar noch mehr Frauen gleichzeitig während der Geburt. Fast zwei Drittel der Hebammen müssen aufgrund von Personalengpässen regelmäßig Vertretungen übernehmen. Sie können Pausen nicht einhalten und leisten immer mehr Überstunden. [...] Freie Stellen werden nicht mehr besetzt und monatlich schließen Kreißsäle ganz oder teilweise ihre Türen. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hat eine repräsentative Umfrage von rund 1.700 Hebammen in Kliniken beauftragt, die eine deutliche Verschlechterung von Arbeitsbedingungen in den vergangenen drei Jahren aufzeigt. Der DHV befürchtet, dass sich die Qualität in der Geburtshilfe in den Kliniken verschlechtert, sollte hier nicht bald Abhilfe beispielsweise durch mehr Personal geschaffen werden." (DHV-Pressemitteilung, 01.02.2016)

Als Chefarzt erwähnt Volker Ragosch nicht, dass die Arbeitsbedingungen in deutschen Kreißsälen die Qualität bei der Betreuung von Geburten gefährden (DHV und spiegel online berichten). Es geht runter mit der Wahlfreit für Frauen, die bald nur noch wählen können zwischen Klinik A und manchmal Klinik B, da Beleghebammen nicht mehr verfügbar sind, Kreißsäle geschlossen haben. 

 

Im Folgenden finden sich vier aktuelle Beispiel-Meldungen aus Hamburg der (nicht repräsentativen) Landkarte der Unterversorgung auf Unsere-Hebammen, wo seit ca. 2 1/2 Jahren Meldungen von fehlenden Hebammenversorgung aus ganz Deutschland eingehen. Seit Februar 2015 haben sich die Meldungen innerhab eines Jahres übrigens von 2470 auf 4083 erhöht. Der Stand vom 12.07.2017 liegt bei 13.266 Meldungen!

Und der GKV sagt aus - unglaublich, aber wahr, dass die Frauen die Hebammen nur nicht finden würden! ("Vielmehr sorgen die Freiberuflerinnen kurioserweise selbst dafür, dass Schwangere sie nicht finden können" GKV, 29.06.2017) - Elternverbände sehen das anders (Mother Hood e.V., 06.07.2017)!

 

Für die Wochenbettbetreuung fehlt eine Hebamme für eine Frau aus dem PLZ-Bereich 20459. Geburtstermin: 13.12.2017. (Meldung vom 14.06.2017)

 

Für eine Beleggeburt fehlt eine Hebamme für eine Frau aus dem PLZ-Bereich 22303. Geburtstermin: 01.02.2018. (Meldung vom 12.07.2017)

 

Für eine Hausgeburt fehlt eine Hebamme für eine Frau aus dem PLZ-Bereich 20255. Geburtstermin: 26.09.2017. (Meldung vom 21.04.2017)

 

Aus dem PLZ-Bereich 22605 hat eine Frau keine Hebamme für einen Hebammenkurs gefunden. Geburtstermin: 19.09.2017. (Meldung vom 07.04.2017)

 

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Kommentar zur erneut gestiegenen Kaiserschnittzahl in Hamburg

 

Statistisches Bundesamt: Mehr Klinikgeburten - weniger Kaiserschnitte

 

Oktober 2016: das Statistische Bundesamt gibt bekannt, dass die Kaiserschnittrate in Hamburg um weitere 0,7 Prozentpunkte gestiegen ist - damit ist es der höchste Anstieg in einem Bundesland überhaupt - die allermeisten Bundesländern konnten dank sinnvoller Maßnahmen gegen unnötige Kaiserschnitte die Rate senken. Hoffentlicht sieht Olaf Scholz und der Hamburger Senat bald ein, dass es notwendig ist, umfassende Maßnahmen zu ergreifen.

 

Nachgefragt - 12.07.2017

 

Eine Nachfrage beim Olaf Scholz am 12.07.2017 ergab, dass zwar die Hebammenhaftpflichtproblematik erkannt wird, aber kein Bedarf gesehen wird, an der geburtshilflichen Versorgung und der damit verbundenen hohen Kaiserschnittrate etwas zu ändern. Frau Prüfer-Storcks sehe außerdem die Hebammenversorgungssituation nicht so problematisch und teile nicht die vorliegende Einschätzung eines Hebammenversorgungsproblems.

 

Stand: 19.07.2017

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